Izzorrah und die Stummen Schwestern

Einst lebten im Süden der Silberberge, im und um den Forst, den man den Nachtwald nennt, weil es darin nie Tag zu werden scheint, drei Daemonenschwestern, verkommene Nachkommen der abscheulichen Erzdaemonen Okrek und Dschisrah. Izzorrah hieß die älteste, ihre jüngeren Schwestern, die Zwillinge, Vandirekch und Kambirasch.

 

Die jüngeren beiden schrien und tobten des Nachts oft so laut, dass die Bauern, Schäfer, Hirten und Flussfischer der Umgebung kein Auge zutun konnten. Auch verunstalteten sie Pflanzen und Bäume und quälten die Tiere des Waldes. Kreuchendes Getier wie Kröten und Schnecken ließen sie mit ihrer Dunklen Magie verdorren, sammelten dann selbiges und ließen es in großer Zahl auf die Höfe der Menschen regnen. Ein schauerliches Lachen war dann zu vernehmen. Sie raubten allerlei Vieh, viele Hühner und Gänse, aber auch Schweine, Schafe, gar Kühe; oft verschlangen sie nur einen Teil des Tieres und ließen den Rest einfach liegen. Wenn sich aber ein Mensch in die Nähe ihrer Behausung verirrte – in den dunklen Nachtwald wagte sich kaum jemand, doch am Fuß der Silberberge jagten und sammelten die Bewohner der Gegend oft, um ihr Einkommen aufzubessern – dann wurden auch diese Unglücklichen häufig gefangen und verspeist. Am liebsten aber fraßen die Teufelinnen kleine Kinder. Wenn sich ein Kind beim Spielen zu weit vom elterlichen Hof entfernte drohte große Gefahr und das Kind wurde oft nie mehr gesehen. Seine Knochen fand man oftmals noch.

 

Es geschah eines Tages, dass die Zwillinge drei Kindlein gefangen hatten, zwei Mädchen und einen Jungen, die sich von der veränderten Gestalt der Teufelinnen hatten täuschen lassen und noch ganz arglos darauf warteten, kandierte Äpfel und anderes Süßzeug zu bekommen. Den Knaben, den größten und dicksten, der aussah als habe er auch bisher nicht Hungers leiden müssen, wollten sie ihrer Schwester Izzorrah überlassen. In der ältesten Schwester aber erwachte die daemonische Gier und sie wollte alle drei Kinder für sich. Die drei Schwestern gerieten in Streit und die Kinder waren alsbald vergessen. Izzorrah, größer und mächtiger als ihre Geschwister, besiegte die Zwillinge. Sie strafte sie, indem sie ihnen die Zungen aus dem Maul riss. Seitdem leiden sie immerwährende Qualen, sind stumm und von einer Aura der Stille und Furcht umgeben. Die Kinder aber, die gehofft hatten zu entkommen, wurden von Izzorrah gefangen und als Zutaten einer Suppe verspeist.

 

Die Stummen Schwestern sollten Izzorrah nie vergeben. Sie stellten ihr nach und wollten Rache nehmen. So entfloh denn die Teufelin gen Norden, man munkelt, sie habe sich auf der Nebelspitze niedergelassen. Doch kehrte sie immer wieder zurück in die Nähe des Nachtwalds – wobei sie das Gehölz selbst, wohl aus Furcht, mied – der sie anzog und ihr Kraft verlieh. 

 

Die Schwestern lebten nach dem Streit zurückgezogen im Wald und verließen ihn nur noch sehr selten. Doch Kinder, die sich darin verirrten, verspeisten sie mit Genuss. Sie waren nun stumm und begannen, jedes Geräusch zu verabscheuen, so dass es im dunklen Walde immer leiser wurde und sich schließlich kein Wesen mehr getraute, in Anwesenheit der Schwestern einen Laut von sich zu geben. Sie lernten auch, Töne durch ihre Dunkelmagie zu unterdrücken. Ihr Übermut und ihre Tollheit aber schienen gebrochen und sie fraßen nur mehr das Nötigste – wohl auch, weil ihnen das Fressen Schmerzen bereitete. So konnten die Menschen der Umgebung sich meist sicher fühlen, so sie denn den Nachtwald mieden.